Geschichten

Hier findest Du Leseproben aus gerade entsehenden Kinderbüchern, die derzeit von mir illustriert werden

und anschließend verschiedenen Verlagen vorgestellt und dann veröffentlicht werden.

Die Reihenfolge der Bearbeitung ist folgende:

"Wie die Schafe ihre weiche Wolle bekamen", Nic Koray  - sucht einen Verlag

"Wie der Riese Rumpelraff das Staunen lernte", Nic Koray - wird derzeit illustriert

"Die Geschichte vom Lamm, das verloren ging", Nic Koray

"Enna und Emerald", Nic Koray

"Die Geschichte vom Piepenpurzel", Nic Koray

Gedichtband, Nic Koray

 

 

 


„Und ich soll nicht staunen?“ fragte Enna ihren Onkel.
„Vielleicht könnt Ihr Großen das ja, aber ich kann doch all die Wunder nicht übersehen, die mir täglich in die Arme fliegen. All die Farben, die mich umgeben und all die Farben in mir, die alles um mich rum mitfärben. Da fliege ich ja der Natur in die Arme!“ Enna lachte leise.
„Ich kann nicht so tun, als ginge mich das alles nichts an. Es geht mich ja nicht nur an sondern förmlich durch mich hindurch. Schau nur, Onkel, dieser Sonnenuntergang. Er ist ein ganz persönliches Geschenk an mich, so sehe ich das. Wenn ich nicht hinschaue, ist das so , als würde ich das Geschenk nicht annehmen. Hast Du das schon einmal bedacht? Und hast du schon einmal bedacht wie viele tausend Geschenke da täglich auf einen eingehen, wenn man aufmerksam ist? Ich komme aus dem Staunen gar nicht mehr heraus, wie alles gemacht ist, das ist so unübersehbar wunderbar. Ich weiß nicht, wo ich herkomme, Onkel, und nicht wo ich hingehe, aber ich weiß, dass da ganz viel Natur ist hinter mir und ganz viel Natur vor mir, und da gehöre ich mitten rein. Da gibt es dann eigentlich keinen echten Anfang und kein richtiges Ende, dann war ich irgendwie mit der Natur schon immer da.
Und da soll ich nicht staunen?
Ich glaube, Onkel“, sagte Enna ziemlich entschlossen, „ich glaube, ich habe alles da draußen in mir und ich bin auch in allem da draußen. Wenn man es sehr genau nimmt und sehr gut aufpasst, dann sieht man, dass die Trennlinie nur menschenerfunden ist. Wenn man staunen kann und sehr genau hinsehen kann, dann sieht man, das es diese Trennlinie nicht gibt.“
Enna dachte an gestern, als sie so ganz in den Augen des Schafes versunken war. Da hatte sie so etwas wie die Ewigkeit in den Schafsaugen gesehen und das war traurigfröhlichriesigunendlich gewesen und sozusagen unbeschreiblich.
Und der Atem vom Schaf war ganz genau im Takt mit ihrem Atem gewesen und Enna hatte das Gefühl, dass beide in einem klitzekleinen Moment Ewigkeit komplett beisammen und regelrecht eins gewesen waren und dass das Schaf das genauso gespürt hatte wie sie.
Weil Ewigkeit ganz weit nach hinten zurück und ganz weit nach vorne geradeaus geht bis einmal um die Erde und bis zur Sonne und zurück, können es keine Menschenworte beschreiben und deshalb kann ein Kind das ebenso empfinden wie ein Schaf. Das war so ein typisches „Ohne Grenzen-Erlebnis“ gewesen.
Aber davon erzählte Enna dem Onkel nichts, denn Worte können das eben nicht beschreiben.
„Onkel? Was sagst Du dazu?“, fragte Enna und griff die große Hand des Onkels.
Sie standen und blickten still über die Hügel, die das Abendrot schillernd in allen Farbklängen färbte, dass es nur so ohnegleichen war.
Der Onkel schwieg betreten und wusste nicht, was er sagen sollte
über das Beschenktwerden-Problem der Erwachsenen und das „Grenzensehen, wo keine sind“.
aus "Enna und Emerald", Nic Koray

Nic Koray Illustration  -  nic@nickoray.de

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